Das Therapeutic Spiral Model


Die Rollentheorie als Erklärungsmodel für Trauma

 

Die Auswirkungen von Trauma können mithilfe verschiedener Konzepte erklärt werden. Einige Traumatherapie-Verfahren konzentieren sich beispielsweise auf die neurobiologischen Veränderungen im Gehirn (EMDR, Brainspotting), andere auf die im Nerven- und Körpersystem eingefrorene Energie (Somatic Experiencing). Das TSM wählt den Ansatz der Rollentheorie. Es erklärt, wie Trauma zu spezifischen Veränderung in der Persönlichkeits-Struktur eines Menschen führt.

 

Die Rollentheorie ganz allgemein beschreibt, wie sich unsere Persönlichkeit aus verschiedenen inneren Anteilen, sog. Rollen, zusammensetzt. Je nach Situation handeln und fühlen wir aus einer bestimmten Rolle heraus und geben dieser unsere individuelle Färbung. Beispiele für Rollen sind etwa Partner/in, Freund/in, Vater/Mutter, Angestellter, Chef usw. In jeder Rolle haben wir bestimmte Erwartungen, Gefühle und Gedanken.

 

Wenn ein Mensch von einem Erlebnis traumatisiert wird, bleiben unterschiedliche Gefühle, Gedanken und Erwartungen in ihm stecken und frieren ein. Diese beeinflussen dann mehr oder weniger stark sein Leben. Um diesen Vorgang greifbar zu machen, hat das TSM vier spezifische Rollen benannt, die sich in seiner Persönlichkeitsstrukur bilden und die bestimmte Aspekte der eingefrorenen Gefühle, Gedanken und Erwartungen zusammenfassen.


 

Das verwundete Kind bzw. der verwundete Erwachsene ist derjenige innere Anteil, der die ursprüngliche Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung fühlt. Dies sind diejenigen Gefühle und körperlichen Empfindungen, die ein Mensch als Opfer einer überwältigenden Erfahrung natürlicherweise entwickelt.

 

Die Abwehrrollen haben um diesen Anteil herum eine Art Schutzwall gebildet, der die überwältigende Wucht dieser Gefühle von dem Bewußtsein fernhält und es so beschützt. Zu den Abwehrrollen können u.a. emotionale Taubheit, Dissoziation, Regression, Depression, Workaholic, Co-Abhängigkeit, Helfer-Syndrom, People-Pleaser und viele andere Phänomene gezählt werden.

 

Im TSM werden alle diese Abwehrmechanismen wertgeschätzt, weil sie es dem Menschen überhaupt erst ermöglicht hatten, eine überwältigende Situation zu überleben bzw. danach weiter in seinem Leben voran zu schreiten.

 

Die wegschauende Instanz ist derjenige innere Anteil, der fühlt, wie er im Moment der Bedrohung allein gelassen worden ist. Niemand kam ihm zur Hilfe und hat ihn beschützt. Alle, die ihm hätten helfen können (Eltern, Nachbarn, Lehrer usw.) haben weggeschaut und so getan, als sei alles in Ordnung. Dadurch entsteht in ihm das Gefühl, es nicht wert zu sein, dass man ihm hilft. Die wegschauende Instanz kann sich dann im weiteren Leben in Form von einem beschädigten Selbstwertgefühl und einer kaum vorhandenen Selbstfürsorge zeigen.

 

Der internalisierte Täter ist derjenige innere Anteil, der die Gewalt des damaligen Ereignisses fühlt. Er kann sich in Form von Selbsthass, übermäßiger Selbstkritik und dem Drang, sich selbst oder andere schädigen zu wollen zeigen. Im schlimmsten Falle kann er zu Selbstmordversuchen führen oder zu dem Impuls, andere Menschen töten zu wollen.

 

Diese vier inneren Anteile sind in der Vergangenheit "stecken geblieben" und für sie findet das damals Erlebte weiterhin statt. Deshalb rutschen Menschen mit einer Traumavergangenheit leicht aus einer gesunden, erwachsenen Rolle in eine dieser trauma-basierten Rollen. Dann erleben sie die mit der jeweiligen Rolle verbundenen Gefühle und Empfindungen wie beispielsweise Hilflosigkeit, emotionale Taubheit, geringer Selbstwert oder Selbsthass.

 

Das TSiRA (Trauma Survivors intrapsychic Role Atom) ist ein Kernelement des TSM. Es bildet sehr anschaulich ab, wie sich die trauma-basierten Rollen in die Persönlichkeit eingebettet haben und welche neuen (vorbereitenden) Rollen das TSM kreiert, um eine tiefgreifende und nachhaltige Verarbeitung zu ermöglichen.

 

 

TSiRA - klicken um zu vergrößern

 

 

Wie kann man die Folgen von Trauma heilen?

 

Bei traumatischen Erlebnissen ist es oft nicht ausreichend, sie gedanklich zu verstehen, sie einzuordnen und die prägenden Gefühle und Empfindungen zu fühlen. In der Regel bleibt die belastende Dynamik bestehen.

 

Im TSM gibt es eine  Abfolge von aufeinander aufbauenden Erfahrungsschritten, die einem Menschen helfen, die belastende Dynamik der vier trauma-basierten Rollen zu heilen. Mit der Unterstützung des TSM-Leiters und der anderen Gruppenteilnehmer kann er die einzelnen Schritte im Szenischen Darstellen durchleben - wobei die inneren Anteile und die vorbereitenden Rollen von den anderen Gruppenteilnehmern gespielt werden können. (Das TSM lässt sich auch sehr gut in die Einzelarbeit integrieren.)

 

Zuerst helfen wir ihm, sich Schritt-für-Schritt in seinen gesunden und erwachsenen inneren Anteilen zu stärken und die vorbereitenden Rollen zu entwickeln. Mit denen gemeinsam (diesmal soll er dem Täter nicht alleine gegenüber treten müssen) und aus einem seiner erwachsenen Anteile heraus soll er dem Täter diesmal ein klares STOP entgegensetzen können. Es geht für ihn also gerade nicht darum, die Hilflosigkeit seines verwundeten Kindes, oder den Selbsthass seines internalisierten Täters, oder die Gleichgültigkeit seiner wegschauenden Instanz zu erleben. Diesmal soll er sich als handlungsfähig erleben und so den Schock und die Erstarrung auflösen.

 

 

Diesmal nicht alleine:

Das verwundete Kind umrahmt, gerettet und beschützt

von seinen erwachsenen Helfern

 

Als nächstes unterstützen wir ihn, als Erwachsener sein verwundetes Kind aus der Traumaszene zu befreien und es zu behüten. Wieder geht es darum, dass er sich dabei nicht in einem seiner trauma-basierten inneren Anteile erlebt. Sein verängstigtes inneres Kind braucht einen handlungsfähigen und liebevollen Erwachsenen, der es beschützt, der es in seinen Armen hält und bei dem es seine lang zurückgehaltenen Tränen der Angst und Verzweiflung endlich weinen kann; einen Erwachsenen, der ihm erklärt, dass es nicht seine Schuld war und dass er/sie ein wunderschönes Kind ist.

 

Erst wenn ein Klient diese beiden Schritte durchlebt hat, halten wir es in der TSM für therapeutisch angemessen, dass er selbst, jetzt aber bewußt gewählt, in die Rolle seines verwundeten Kindes geht und dessen Angst und Trauer fühlt.

 

Mit diesen aufeinander aufbauenden Schritten können Menschen mit einer Traumavergangenheit tief verborgene Gefühle sicher und therapeutisch wirksam erleben, ohne dass eine Re-Traumatisierung geschieht. Schritt-für-Schritt können sie die schmerzvolle Dynamik der vier trauma-basierten Rollen heilen und die erschütternden Erlebnisse so integrieren, dass sie nur noch eine Erinnerung sind, die keine emotionale Intensität mehr hat.